Keine Zeit für die Zukunft

Von Lena Riemer

25. Februar 2026. Zeit ist das, was wiederkehrt, zumindest in der diesjährigen Jugendstücke-Auswahl für den Heidelberger Stückemarkt. "Ein Glücksding" vom Theater der Jungen Welt in Leipzig zieht Parallelen zwischen den Schicksalen zweier ukrainischer Jugendlicher in den Jahren 1941 und 2025. Wie eine dystopische Zukunft unter der Regierung einer rechtsradikalen Partei aussehen könnte, zeigt "Endland" von der Schauburg München. Und das Theater Aalen erzählt mit "ich sehe was / was du nicht siehst" davon, wie ein Erzähler innerlich immer wieder zur Erinnerung an einen erlittenen sexuellen Übergriff zurückkehrt.

"Ein Glücksding": Vom Aufwachsen in Kriegszeiten

In der Schlucht zwischen zwei großen, schwarzen Kästen begegnen sich zwei Jungen. Juri lebt im Jahr 2025, Motja im Jahr 1941. Beide sind 14 Jahre alt. Beide kommen aus Kyjiw, doch Juri ist wegen des russischen Angriffskriegs mit seiner Mutter und seinen Geschwistern nach Leipzig geflohen. Beide Jungen teilen eine Leidenschaft: das Zeichnen. Es ist ihr "Glücksding", denn es verbindet ihre Lebenswelten über die Jahrzehnte hinweg und bringt sie in den Dialog miteinander. Abwechselnd erzählt das Stück von Lena Gorelik, wie Motja und Juri mit großer Aufmerksamkeit die Veränderungen beobachten – sowohl in ihrem Inneren als auch im Außen. Doch trotz der Ähnlichkeit ihrer Erfahrungen nehmen ihre Geschichten jeweils ein vollkommen unterschiedliches Ende.

Im September 1941 folgt Motjas Familie der Aufforderung an jüdische Menschen, sich zur Evakuierung an einer Sammelstelle einzufinden. Sie werden Opfer von Babyn Jar, dem größten einzelnen Massaker an Jüdinnen und Juden im Zweiten Weltkrieg. Motja überlebt als einer von wenigen, wird aber kurz darauf auf seiner Flucht erschossen. Juri weiß um Babyn Jar, auch seine Urgroßeltern sind bei diesem Massaker gestorben. Motja beneidet Juri darum, dass er fliehen konnte. Denn für Juri gibt es einen neuen – wenn auch anstrengenden – Alltag in Deutschland und eine Chance, sich seinem Schwarm Sveta weiter anzunähern.

Motja und Juri sind in der Inszenierung von Martina van Boxen Puppen (Puppenbau: Judith Mähler). Sie werden von Luise Audersch, Clara Fritsche und Sven Tillmann geführt, wobei die drei ebenso die Rollen der zahlreichen Nebenfiguren verkörpern. Neben ihren Spieler*innen wirken die ungefähr einen Meter großen Puppen tatsächlich wie Kinder. Es sind äußerst emotionale Momente, wenn man sieht, wie die Erwachsenen versuchen, die beiden Jungen zu trösten oder ihnen durch Rituale wie das abendliche Teetrinken Halt zu geben. Doch nicht immer können Motja und Juri diese Zuwendung annehmen, mehrfach rebellieren sie dagegen. Die Regisseurin traut sich, ihre Hauptfiguren echte Teenager sein zu lassen, inklusive Stimmungsschwankungen und Selbstfindungsversuchen.

HD26 JS Leipzig Gluecksding 5 CTom SchulzeLena Goreliks "Ein Glücksding" in Martina van Boxens Regie am Theater der Jungen Welt Leipzig © Tom Schulze

Als Grundlage für "Ein Glücksding" haben der Autorin Lena Gorelik sowohl die Zeitzeugnisse der Puppenspielerin Dina Pronitschewa, die den jungen Motja auf dessen Flucht kennenlernte, als auch Interviews mit Ukrainer*innen in Leipzig gedient. Dem Text merkt man an, dass er aus den Stimmen und Perspektiven echter Menschen gewebt wurde. Die einzelnen Szenen wirken dem Alltag entnommen, wobei die Sprache trotz ihrer Direktheit nicht an Komplexität verliert.

Dem Stück gelingt es, eine Form, von der man meint, sie schon zu kennen, in ganz neuer Weise auf die Bühne zu bringen. Denn Puppenspiel ist nicht nur etwas für Kinder, wie auch die Figuren selbst wissen. Die Geschichte von Motja und Juri erzeugt Empathie und ein tiefgreifendes Verständnis dafür, wie einschneidend Kriege insbesondere in jungen Biografien wirken.

"Endland": Wie entkommt man der Dystopie?

Im Gegensatz zu "Glücksding" will "Endland" von der Schauburg München nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft mit der Gegenwart verbinden. Das Stück spielt im Jahr 2030: Die "Neue Alternative" regiert Deutschland. Nachdem die rechtsradikale Partei die Grenzen geschlossen und Millionen von Menschen mit Migrationshintergrund vertrieben hat, steckt das Land in der Krise. Über Bildungsgrad und Gesundheitsversorgung entscheidet nun die finanzielle Lage der eigenen Familie.

Das Theaterstück nach dem gleichnamigen Roman von Martin Schäuble wird als "Doku-Dystopie" bezeichnet. Es verdichtet die aktuellen Diskurse rund um den Rechtsruck und die Wehrpflicht zu einer Zukunftsprognose, die der Gegenwart teilweise erschreckend nahekommt. In der Inszenierung von Katharina Mayrhofer wird das Stück so schonungslos intensiv, dass man sich seiner Botschaft nicht entziehen kann.

Die Handlung fokussiert auf drei Protagonist*innen. Nergiz (Sibel Polat) ist eine Kurdin, die vor der Perspektivlosigkeit in ihrer Heimat flieht. Sie will in Deutschland Ärztin werden. Anton (Janosch Fries) und Noah (Hardy Punzel) hingegen sind zwei deutsche Wehrpflichtige, die an der Grenze stationiert sind. Offizier Stahlke (David M. Campling) und die Kasernen-KI Cindy wollen ihnen beibringen, wie sie "tapfere Wölfe" werden. Anton glaubt der Ideologie der Neuen Alternative – im Gegensatz zu Noah. Dennoch lieben sich die beiden, auch wenn jede Berührung sofort bestraft wird.

HD26 Jugend Endland Schauburg 3 CArminSmailovicMartin Schäubles "Endland" in der Regie von Katharina Mayrhofer an der Schauburg München © Armin Smailovic

Während Noah aus der Kaserne fliehen kann und als Streamer versucht, die Neue Alternative zu stürzen, wird Anton vom Offizier für eine besondere Aufgabe ausgewählt. Er bekommt die Anweisung, getarnt als Ukrainer über die Grenze zu flüchten, um ins letzte deutsche Flüchtlingslager zu gelangen und dieses für die Neue Alternative zu infiltrieren. Gemeinsam mit 71 anderen macht er sich in einem zu kleinen Kühllaster, der eigentlich für totes Hühnerfleisch gemacht ist, auf den Weg. Hier lernt er Nergiz kennen. Diese bleibt auch im Lager hartnäckig an ihm dran. Sie ahnt, dass er nicht der ist, der er vorgibt zu sein.

In fließendem Deutsch konfrontiert sie ihn und sät bei ihm Zweifel an seiner Ideologie. Als dann der "Befehl von ganz oben" kommt, einen Bombenanschlag auf das Lager zu verrichten, verbündet sich Anton mit Nergiz und sie vereiteln den Plan der Neuen Alternative. Nergiz wird für ihre engagierte Ersthilfe in Talkshows eingeladen, Anton wiederum schließt sich dem Widerstand an und baut wieder Kontakt zu Noah auf. Ein seltsam versöhnliches Ende für diesen aufreibenden Dystopie-Entwurf.

Ob ausgerechnet ein Theaterstück es schafft, zu jungen AfD-Wähler*innen durchzudringen, ist ungewiss. Doch "Endland" gelingt definitiv etwas, das kein Politikunterricht leisten kann: Es lässt sein Publikum nicht nur wissen, sondern auch fühlen, wie sich ein Leben in einem rechtsradikal regierten Deutschland gestalten könnte. Auf diese Weise "entmystifiziert" es die Versprechen, die die AfD der Jugend auf TikTok und Instagram macht. Letzten Endes wird der Wechsel zum Widerstand aber sowohl bei Noah als auch bei Anton als geradezu selbstverständlich einfach dargestellt. Hier bräuchte es eine realistischere Auseinandersetzung damit, was es wirklich bedeutet, aus rechtsradikalen Ideologien auszusteigen und sich ihnen zu widersetzen.

"ich sehe was / was du nicht siehst": Im Teufelskreis einer Erinnerung

Auf das Politische im Privaten fokussiert das Theater Aalen mit "ich sehe was / was du nicht siehst". Betreten die beiden Spielenden die kleine, runde Bühnenfläche, sieht man erst einmal nur ihre Silhouetten. Sie stehen hinter mehreren schwarzen Fadenvorhängen, die das Bühnenbild zwar nicht verdecken, aber schwerer erkennbar machen, was genau sich hinter ihnen befindet. Schicht für Schicht müssen die Spielenden die Vorhänge beiseiteschieben, bis sie direkt vor dem Publikum stehen und von der Erinnerung erzählen können, die sie auch nach Jahren immer noch beschäftigt.

Trigal Sandberger Cañas und Marius Petrenz teilen sich die Rolle des Ich-Erzählers aus Sergej Gössners Text und schlüpfen beide ebenso in alle Nebenrollen. Ihre Geschichte beginnt wie eine typische Teenager-Story: Hannah hat sturmfrei und lädt deshalb alle zu einer Hausparty ein. Das erzählende Ich fährt mit seinem besten Freund Ömer auf dem Mofa zur Party, es läuft "California" von Phantom Planet, beide grölen laut mit. Auf der Party angekommen, klammern sich die beiden an die mitgebrachte Sektflasche, dem Ich-Erzähler sind die Umarmungen der anderen Gästen eigentlich unangenehm. Später spielen die Jugendlichen Flaschendrehen, und ausgerechnet der Ich-Erzähler bekommt die "Pflicht", Hannahs beste Freundin Lea zu küssen. Widerwillig überwindet er sich dazu, was die Gastgeberin wiederum als Anlass nimmt, alle außer Lea und ihn aus dem Raum zu schicken. Sie zieht die Tür hinter sich zu. Der Erzähler will gehen, doch Lea lässt ihn nicht. Er erstarrt.

Als er Ömer auf dem Heimweg erklärt, dass er nichts mit Lea haben wollte, reagiert dieser nur mit "Als ob!". Auch später, als er sich neuen Freundinnen auf einer Ferienfreizeit anvertraut, fragen diese ihn nur, ob er schwul oder zu aufgeregt gewesen sei.

Sergej Gössner gelingt es auf eindringliche Weise, den Zweifeln und Ängsten der Betroffenen von sexueller Gewalt eine Sprache zu geben. Für den Ich-Erzähler wird die Erinnerung zum kleinteiligen Puzzle, welches er immer wieder neu zusammensetzen muss. Jedes Mal ergibt sich dasselbe Bild, doch man erkennt nicht mehr dieselben Dinge darin. Die Inszenierung von Julius Max Ferstl findet für diese innere Zerrissenheit Bilder, die im Gedächtnis bleiben und lange nachwirken.

HD26 Jugendstueck Aalen ich sehe was was du nicht siehst 2 CSofia SchomkoSergej Gößners "ich sehe was / was du nicht siehst" in Julius Max Ferstls Regie am Theater der Stadt Aalen © Sofia Schomko

Nach Jahren trifft der Erzähler auf einer WG-Party unerwartet auf Hannah und Ömer. Wieder wird er auf die Hausparty angesprochen, wieder erzählt er von dem Übergriff. Dieses Mal glaubt man ihm zwar, doch trotzdem folgt die Frage, warum er sich denn nicht gewehrt habe. Gleichzeitig hinterfragt niemand, warum Lea nicht gestoppt hat. Das Stück macht deutlich, dass der Grundsatz von "Nein heißt Nein", so wie er im deutschen Strafgesetzbuch verankert ist, nicht ausreicht, denn er erzeugt bei vielen die Vorstellung, dass es die Pflicht des Opfers sei, sich einem Übergriff zu widersetzen.

Am Morgen nach dieser Party aber bekommt der Erzähler eine Sprachnachricht von Ömers Freund Aleks: "Ich sehe dich und du bist nicht allein." Endlich ist da jemand, der seinen Konflikt kennt und für ihn da ist. Nur so gelingt der erste Schritt aus dem Kreislauf der Zweifel.

Während bei den nominierten Stücken im vergangenen Jahr noch die Liebe die scheinbare Antwort auf alle Krisen war, ist diese 2026 nur noch ein Randphänomen. Statt Liebe finden die Protagonist*innen der diesjährigen Auswahl lieber Gleichgesinnte. Indem sie sich verbünden, teilen sie ihr Wissen miteinander und können aus der Vergangenheit lernen. Für die Frage danach, wie man eine bessere Zukunft gestalten könnte, hat am Ende jedoch keines der Stücke mehr Zeit. Man kann es als Aufforderung der Erwachsenen verstehen, dass junge Menschen ihre Zukunft selbst gestalten sollen. In einer Gegenwart, in der Jugendliche in den Debatten um Klimaschutz oder die Wehrpflicht aber vor allem an die Verantwortung älterer Generationen appellieren, ist es schade, dass auch das Theater seinem jungen Publikum nur weitere Aufgaben mitgibt.

Endland (14+)
Doku-Dystopie von Martin Schäuble, nach seinem gleichnamigen Roman / Auftragswerk der Schauburg München
Inszenierung: Katharina Mayrhofer, Bühne: Flurin Borg Madsen, Kostüme: Sophia Schneider, Video: Bülent Kullukcu, Soundscape: Maksim Khrychev, Dramaturgie: Anne Richter, Theaterpädagogik: Marie Mastall, Regieassistenz: Tobias Radcke, Ausstattungsassistenz: Sharon Smadja, Inspizienz: Selina Klatt.
Mit: Janosch Fries, Hardy Punzel, Sibel Polat, Tom Gerhartz, Simone Oswald.
Premiere am 27. April 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minunten, keine Pause

www.schauburg.net

Ein Glücksding
(12+)
von Lena Gorelik
nach Stimmen und Zeitzeugnissen von damals und heute / Auftragswerk des TDJW
Regie: Martina van Boxen, Ausstattung: Jakob Ripp, Puppenbau: Judith Mähler, Musik: Manuel Loos, Dramaturgie: Jörn Kalbitz, Theaterpädagogik: Theresa Kawalek.
Mit: Luise Audersch, Clara Fritsche, Sven Tillmann.
Uraufführung am 21. September 2025
Dauer: 1 Stunde 5 Minuten, keine Pause

www.theaterderjungenweltleipzig.de

ich sehe was / was du nicht siehst (14+)
von Sergej Gößner
Regie: Julius Max Ferstl, Ausstattung: Tom Schellmann, Dramaturgie: Ella Elia Anschein, Regieassistenz: Fabian Eberhardt und Amelie Möcklin.
Mit: Trigal Sandberger Cañas, Marius Petrenz
Uraufführung am 28. September 2025
Dauer: 75 Minuten, keine Pause

www.theateraalen.de