Theaterland Kanada

Mit einer Fläche von 10 Millionen Quadratkilometern ist Kanada um ein Vielfaches größer als Deutschland mit seinen rund 360.000 Quadratkilometern, aber weit dünner besiedelt. Leben in Kanada statistisch 4,1 Einwohner*innen auf einem Quadratkilometer, sind es in der Bundesrepublik 234 Menschen pro Quadratkilometer. Mit Einflüssen der Theaterformen Europas, aus dem die meisten der Siedler*innen stammten, und einer zunehmenden Präsenz der lang marginalisierten indigenen Kulturen hat Kanada eine reiche Theaterlandschaft aufzubieten. 

Die drei kanadischen Gastspiele des diesjährigen Stückemarkts spiegeln wider, dass sich die kanadische Gesellschaft sich intensiv und zuweilen erfrischend pragmatisch mit komplexen Themen wie Diversität, Postkolonialismus und Gleichberechtigung beschäftigt.

Der dokumentarische Theaterabend Aalaapi, mit dem Regisseurin Laurence Dauphinais und Radiokünstlerin Marie-Laurence Rancourt 2021 zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens eingeladenwurden, zeigt mit zarter Eindringlichkeit, wie weit von der oft mit der "unberührten Wildnis" Kanadas assoziierten Abenteuergeschichten die Lebensrealität der in Kanada lebenden indigenen Bevölkerung und speziell die der indigenen Künstler*innen entfernt ist. Auch in Coleen MacPhersons dystopischer posthumaner Zukunft in Erased ist von romantischer Natur weit und breit nichts zu sehen, denn die Menschheit hat nicht nur das Klima endgültig zum Kollaps gebracht, sondern auch sich selbst durch ihren Konsumwahn abgeschafft. Safia Nolin und Philippe Cyr ist mit Surveillée et punie ein Theaterabend gelungen, der die vergiftete und hasserfüllte Kommunikation, die vor allem den digitalen Raum immer mehr einzunehmen droht, auf die Bühne holt und seinem Publikum mit großer Dringlichkeit bewusst macht, dass es wichtiger denn je ist, miteinander zu sprechen, anstatt sich dem zügellosen Übereinander-Sprechen hinzugeben.

Im Rahmen des Gastlandschwerpunkts wird der Internationale Autor*innenpreis vergeben. Nominiert sind in diesem Jahr Marguerite: Das Feuer von Émilie Monnet, Illegal von Marie-Ève Milot und Marie-Claude St-Laurent, Prince Faggot von Jordan Tannahill sowie Zum Licht von Erin Shields. Die vier Stücke werden am 2. Mai in Lesungen von Heidelberger Schauspieler*innen vorgestellt<<<