Autor*innenpreis
Fayer Koch – Herz-Emoji, Bizeps
Max ist Feminist. Aber in Sachen Dating scheint ihm sein Feminismus nicht besonders hilfreich: Schon seit Jahren hangelt sich Max von Affäre zu Affäre. Auch wenn er es vor seinen Freund*innen nicht zugibt, fühlt er sich mittlerweile wie ein Versager. Als er Erika kennenlernt, scheint der Fluch kurzzeitig gebrochen – doch die Beziehung endet, bevor sie richtig angefangen hat.
Online stößt Max auf die sogenannte NoFap-Bewegung. Deren Mitglieder praktizieren Abstinenz von Pornos und Selbstbefriedigung, um ihre männliche "Ur-Energie" zurückzuerlangen und attraktiver – will heißen erfolgreicher – zu werden. Ihre Netzwerke reichen bis tief in global vernetzte rechte Bewegungen. Findet Max hier die Gemeinschaft, nach der er sich sehnt?
Geboren in Bielefeld, studierte Fayer Koch Linguistik an der Universität Potsdam und Literarisches Schreiben in Leipzig. Koch schreibt sowohl Lyrik als auch dramatische Texte, darunter viele für junges Publikum. Beim Heidelberger Stückemarkt war Koch bereits als Stipendiat*in einmal zu Gast. Kochs Stücke wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, so erhielt "T-Rex, bist du traurig? (Steht dein T für Tränen?)" 2025 den Mühlheimer KinderStückePreis und ist daher beim diesjährigen Heidelberger Stückemarkt als Gastspiel zu sehen. Für "Herz-Emoji, Bizeps" erhielt Koch dieses Jahr den 1. Else-Lasker-Schüler-Stückepreis.
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Das Stückporträt: Herz-Emoji, Bizeps – Fayer Koch
Von Sophie Diesselhorst
25. Februar 2026. "Das Internet ist ein Ort." Dieser Claim durchzieht (als wiederholte Kapitelüberschrift) das Stück von Fayer Koch. Das Internet ist unter anderem der Ort, an dem "Herz-Emoji, Bizeps" spielt. In der Vorrede treten "10-14 Millionen Männer" auf die Bühne, sie fordern und bitten dann zunehmend verzweifelt darum, Gehör zu finden – beim Publikum, das angenommen wird als eines, das ihre (weiße Cis-Männer-)Perspektive eigentlich satt hat. Steiler Einstieg in ein Stück, das getragen ist vom ambitionierten Vorhaben, sowohl diesen Männern gerecht zu werden als auch diesem Publikum.
Erzählt wird die Geschichte eines jungen Mannes unter Männlichkeitsdruck. Max müsste eigentlich eher im progressiven Publikum sitzen als mit den Millionen Männern auf der Bühne zu stehen. Ein Feminist, aufgewachsen mit zwei Schwestern und einer alleinerziehenden Mutter. Einer, der sich die Nägel lackiert und dessen Freund*innen Vulva-Kalender in der WG-Küche hängen haben. Wer, wenn nicht er müsste gegen toxische Männlichkeitsmythen gewappnet sein. Aber nun wird er auf die Probe gestellt.
Max' wunder Punkt ist, dass er als junger Erwachsener noch Jungfrau ist. Das ist der Kern seiner Unsicherheit, die im Laufe des Stücks immer mehr Raum greift. Dabei hat er relativ schnell nach Stückanfang dann doch zum ersten Mal Sex. Und auch die erste Beziehung lässt nicht lange auf sich warten, er lernt die Frau beim Boxtraining kennen, doch sie trennt sich bald von ihm, weil er ihr zu soft ist. Er scheint diese Verletzung zunächst ganz gut zu verkraften, richtet sich ein in einem Leben, in dem er emotionale Nähe bei Freund*innen erfährt und körperliche bei Sexdates: "Im Grunde lebt er das nicht-normative Leben, von dem die anderen bloß reden."
Doch es stellt ihn nicht zufrieden. Max fängt an, in der Dating-App nur noch die absolut umwerfenden Frauen nach rechts zu swipen – digitale Tools ebnen den Weg zur Objektifizierung von Frauenkörpern. Und neben der Dating-App entdeckt Max noch einen anderen, neuen Ort im Internet, wo er sich gefühlsmäßig noch viel stärker abgeholt fühlt: die NoFap-Community auf Reddit, "ein Selbsthilfeforum für die Genesung von Pornoabhängigkeit und zwanghaftem Sexualverhalten". Die Bezeichnung "NoFap" tauchte laut Wikipedia erstmals 2006 in Internetforen von Bodybuildern auf, die den Verzicht auf Masturbation als eine Methode zur Steigerung des Testosteronspiegels im Blut propagierten. Selbstdisziplin + Stärke = Männlichkeit. Die Forumsmitglieder messen ihren Erfolg in Tagen, die neben ihren Forumsnamen stehen. Max bleibt erst auf Distanz, aber seine Skepsis wird schnell weggeherzt.
SHADOW_ENIGMA (Tag 6)
was ist deine story? warum bist du hier?
MAX (Tag 1)
ich hab keine story
SHADOW_ENIGMA (Tag 6)
jede story ist ok
MAX (Tag 1)
ich glaub auch nicht an dieses – mit dem masturbieren
BRAIN_REBALANCED-631 (Tag 730)
geht nicht drum, ob man dran glaubt
MAX (Tag 1)
und ich find auch einige der beiträge hier ziemlich problematisch
BRAIN_REBALANCED-631 (Tag 730)
okay
MAX (Tag 1)
also ich werd mir da keine regeln setzen
BRAIN_REBALANCED-631 (Tag 730)
:herz:
An Tag 22 im NoFap-Forum fühlt Max sich bereits "wie neugeboren". In den historischen Exkursen, die Max' Geschichte in regelmäßigen Abständen unterbrechen, um die politische Geschichte der Masturbation kurz zusammenzufassen, sind wir mittlerweile in der Gegenwart, wo die extreme Rechte Selbstbefriedigung als Thema für sich entdeckt und in den USA die "Proud Boys" bei ihrer Initiation Abstinenz schwören.
Recherche zu eskalierendem Verzicht
Auf Seite 38 (von insgesamt 70) kommt das Wort "Ur-Kraft" zum ersten Mal vor, das Max in die vollständige Isolation katapultieren wird: Er spricht es vor einer Frau aus, zu der er gerade Vertrauen zu fassen beginnt, die sich davon aber abgestoßen fühlt (Stichwort "Incel-Vibes") und auf Distanz zu Max geht. Eigentlich ist das Max' Abschied von seinem vorigen Leben und nicht die 90-Tage-Marke, für die er im NoFap-Forum von seinen neuen Freunden gefeiert wird. Das Stück endet mit einem Ausblick darauf, wie weit eine Eskalation wie die von Max noch gehen kann, mit der Auflistung mehrerer Attentate, die Männer aus der NoFap- und verwandten Communities (Incel, Pick up Artists, Red Pill) verübt haben.
Gleich zu Anfang des Stücks wurde Max als statistische Person beschrieben:
• er ist zwischen 25 und 35 jahre alt
• weiß
• atheistisch oder agnostisch
• und wohnt in den usa
• gefolgt von kanada und deutschland
• max ist zu 43% angestellt, zu 35% student, zu 14% arbeitslos und zu 8% keine angaben
• max ist ein mann
Fayer Koch legt per Quellenverzeichnis die Recherchen offen, wie es mittlerweile viele Theaterautor*innen tun. Kochs zweite Beglaubigungsstrategie ist die Erdung der Stückhandlung in der eigenen Biografie. They streut eine Jugendgeschichte von sich ein, in der they genauso wie Max vor dem Männlichkeitsdruck einbrach. Nach einer sinnlosen Rauferei mit Kumpels sagt Fayer nicht "ich hab genug von eurem toxischen verhalten", sondern Fayer meldet sich zum Boxtraining an, wie auch Max.
"Herz-Emoji, Bizeps" ist ein erzählerisches Stück, kommt in den meisten Passagen in einer direkten, unverschnörkelten Sprache daher. Die kunstvoll vom echten Leben abgeschriebenen Forums-Passagen heben sich ab, in denen ja auch besonders viel passiert, obwohl eigentlich nur getippt wird.
Gedankenanstoß durch Provokation
Das Internet ist ein Ort, den Fayer Koch in seinen Stücken erkundet. Sie handeln von jungen (Menschen-, manchmal auch Tier-)Wesen, die virtuelle Räume bewohnen. Sie denken und reden lebendig, kommen sich selbst nicht hinterher, der schnelle Sprachfluss höhlt das Selbstvertrauen aus. Den Schrägstrich markiert Fayer Koch als Zeichen dafür, dass die Leute einander ins Wort fallen, das passiert häufig. Und es kann gut sein oder schlecht – Eindeutigkeit ist nicht das Ding von Fayer Koch. Gedanken anzustoßen durch Provokation aber schon: In "Herz-Emoji, Bizeps" heißen alle Frauen entweder Erika oder sie haben keinen Namen. Das kann man, zumal als weiblich gelesene Leserin, irritierend finden. Aber es markiert eben die (zunehmend) radikal subjektive Perspektive von Max, die das Stück einnimmt.
Um Männerbilder ging es bei Koch auch schon in "Anorexia Feelgood Stories", wo die jugendliche Hauptfigur sich das Unwohlsein im eigenen Körper wegzuhungern versucht. Koch hat bisher überwiegend fürs Junge Theater geschrieben, sieht aber keine Trennung zum Theater für erwachsenes Publikum: "Das Theater für junges Publikum sollte (wie überhaupt alle Kunst) immer wieder vermitteln, dass es nicht an der Natur des Menschen liegt, wenn sich alles gerade doomed anfühlt. Dass Solidarität immer möglich ist. Dass da (irgendwo) eine Welt ist, die Platz für alle bietet", schreibt they im Fragebogen auf der Seite zu den Mülheimer Theatertagen 2025, wo they mit "T-Rex bist du traurig?" den KinderStückePreis gewann. Die Produktion wird als Gastspiel auch beim Heidelberger Stückemarkt zu sehen sein.
Fayer Kochs Botschaft und Ausdruck sind gefragt: Fünf Uraufführungen hat they allein in dieser laufenden Spielzeit. Für "Herz-Emoji, Bizeps" hat Koch bereits bei den Else-Lasker-Schüler-Stückepreis 2026 bei den Theatertagen Rheinland-Pfalz erhalten, der wie der Heidelberger Stückepreis mit einer Uraufführung verbunden ist. Eine Inszenierung ist dem Stücktext also schon sicher.






