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Lennart Kos – Balance und Harmony
Eine Woche im Eingangsbereich eines "Meditations Retreats". Hierher ziehen sich diejenigen zurück, die eine rauchen wollen. Oder die das Schweigegelübde nicht aushalten und reden müssen. Eslem ist zum ersten Mal dabei, Tanja ist Stammkundin, Älex ist – eher ungewöhnlich – mit seiner Mutter und seinem Opa Milan gekommen. Alle erhoffen sich etwas Besonderes von dem sehr teuren Aufenthalt. Auch wenn die Hoffnungen recht unterschiedlich sind. Aus Zufallsbekanntschaften wird eine Schicksalsgemeinschaft. Und nicht jede*r kommt hier lebend raus.
Eine funkelnde Komödie über die letzten Dinge: Vogelbeeren und Zigaretten, Leben und Tod, das Ende der Liebe und die Verantwortung fürs eigene Leben. Und natürlich über die Geister, die uns heimsuchen, wenn wir uns dem Schweigen entziehen. Oder eben nicht entziehen.
Lennart Kos wurde in Siegen geboren. Arbeitete über mehrere Jahre in der Regieassistenz am Theater Osnabrück und am Theater Bielefeld, studierte danach Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst Wien, Szenisches Schreiben an der UdK Berlin und Dramaturgie an der HfS Berlin. 2025 wurde Lennart Kos an den Münchner Kammerspielen mit dem Internationalen Edith-und-Werner-Rieder-Preis für neue Dramatik ausgezeichnet.
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Das Stückporträt: Balance und Harmony – Lennart Kos
Von Christian Rakow
25. Februar 2026. "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen", lautet eine der bekanntesten Thesen des Philosophen Ludwig Wittgenstein. Geradezu als Umkehrung dieses Satzes liest sich das Drama, das Lennart Kos in Heidelberg vorlegt. Wo man nicht schweigen kann, da muss man reden, könnte als Motto über Kos' Konversationsdrama "Balance und Harmony" stehen.
Kos' Stück spielt in einem "Meditations Retreat", wo ein Guru-Unternehmer namens Joao für 9.000 Euro pro Woche Meditationskurse anbietet. Diesen Joao bekommen wir allerdings nie zu Gesicht, dafür eine Handvoll seiner gut betuchten, nach innerer Einkehr strebenden Klienten: Da ist vorneweg Eslem, Neuankömmling in der Klinik, Mitte 30, und zugleich die Figur, über die wir das Geschehen im Wesentlichen verfolgen. Eslem ist im arabischen Sprachraum eher ein weiblicher Vorname, bedeutet so viel wie "die Unversehrte" oder "Frieden", kann aber seltener auch als Männername gebraucht werden und eignet sich mithin für Unisex-Kontexte. Das Geschlecht der Figur bleibt bei Kos gezielt offen.
Dialoge, schnörkellos und geradeaus
Eslem begegnet verschiedenen anderen Teilnehmer*innen des Meditationskurses: Tanja (einer Frau Mitte 40), Kim (einer Frau Mitte 30), Älex (einem schwulen Mittzwanziger) und Älex' Großvater Milan (jenseits der 80). Alle Begegnungen finden im Raucherbereich des "Retreats" statt, weil es nur hier gestattet ist, miteinander zu reden. Drinnen im Seminarraum bei Joao wird geschwiegen, aber davon zeigt das Drama nichts.
Lennart Kos schreibt Dialoge, schnörkellos, geradeaus, mit Beat auf dem Hauptsatz. Man darf das ruhig hervorheben, weil die Dialogdramatik in den letzten Jahren keinen leichten Stand hatte. Das Schreiben fürs Theater wurde eher von berichtenden Erzähltexten oder von assoziativen, monologischen "Textflächen" dominiert. Dass Figuren nun wieder stärker ausgestaltet werden und miteinander ins Gespräch kommen, markiert eine Trendwende. Gleichwohl verläuft ihre Interaktion nicht mehr in den Gleisen der klassischen Dramenform; der strukturierende Konflikt fehlt. Bis etwa 1900 sprachen Figuren miteinander, um Widersprüche auszulösen und zu bearbeiten, die Wechselrede diente dazu, Handlung voranzutreiben. Das ist heute anders, moderne Figuren bekunden ihr Sein jenseits von Spannungen und "dramatischen" Zuspitzungen.
Bei Kos erleben wir analytische, rückschauende Dialoge ("episierte Dramatik", mit Peter Szondi), also Gespräche, die vor allem dazu dienen, Informationen über die Vorgeschichte einer Figur aufzubringen und vergangenes Geschehen in Schlaglichtern aufleuchten zu lassen. Wiederholt finden die Figuren in ihrem Gemeinschaftsbereich zusammen, um sich nach Art von Gesellschaftsspielen übereinander auszufragen: Erzähle etwas Schlechtes über Dich! Reihum. Dann geht es um die Gründe, weshalb ein jeder den Meditationskurs aufgenommen hat. Oder um Verfehlungen in der Jugend.
Einzelgänger*innen auf entrückten Daseinsinseln
Selten, ganz selten, deuten sich auch Sympathien oder gar ein Flirt an. Aber das hierin schlummernde Potenzial für entwicklungsfähige Konflikte oder einen umfassenderen Beziehungsaufbau zwischen den Figuren hebt das Drama nicht. Es setzt die Charaktere mit Bedacht als Monaden an, als Einzelgänger*innen auf entrückten Daseinsinseln. Die Persönlichkeiten werden schraffiert, nicht detailliert ausgemalt.
Eine Ausleuchtung der Figuren kann selbstredend nur so viel zutage fördern, wie im Milieu, dem sie entstammen, angelegt ist. Das war bereits bei Anton Tschechow so, wo sich das Dramenpersonal mit seinen Selbstoffenbarungen streng innerhalb der prägenden teils mondänen, teils kleinbürgerlichen Vorstellungsrahmen bewegte. Bei Kos entspricht das Problemniveau der Figuren exakt dem gut situierten und zugleich relativ weltarmen Lifestyle, der mit dem Spielort "Meditations Retreat" angelegt ist. Von Eslem etwa erfahren wir, dass dem Besuch im Selbstfindungskurs ein "Zusammenbruch" vorausging, ausgelöst vom Überangebot an Broten im Supermarkt. Andere Personen wollen sich das Rauchen abgewöhnen oder den Familiensegen geraderücken. Eine Klientin offenbart sogar, dass sie an Krebs erkrankt ist, ein anderer stirbt im Verlauf des Dramas. Aber dass diese heftigeren Ereignisse existenzieller aufgefasst würden, lässt sich nicht sagen.
Das Label "Universum" steht immer unsichtbar dabei
Kim und Eslem wirken "irgendwie vom ganzen Universum verletzt", sagt Tanja eingangs. Es ist ein Satz, der auf maximales metaphorisches Gewicht berechnet ist, etwas gewollt. Er steht stellvertretend für die Poetik der leichten Überbetonung, die in diesem Milieu gepflegt wird. Alles Alltägliche soll hier mit großer Bedeutsamkeit aufgeladen und mit Achtsamkeit gewürdigt werden. Das Label "Universum" steht sozusagen immer unsichtbar dabei, auch wenn man lediglich über Dinkelbrot und Weizen spricht, oder Halbwissen über Vivaldis "Vier Jahreszeiten" ausbreitet. Die Figuren finden ihre eigenen Äußerungen entsprechend "deep", sobald Sentenzen der Preisklasse "Kein Schmerz ist für immer" fallen. Mitunter driften sie esoterisch ab und künden von Geistererscheinungen, wenn sie ihren Lebens- und Liebeskummer einander verständlich machen wollen. Eslem gibt in diesem Setting die Figur des rationalen, verständnisvollen Ratgebers, die dann auch mal wie Gandalf in "Herr der Ringe" klingt: "Es ist nicht an uns, das anzuzweifeln."
Wittgensteins Gebot, von dem zu schweigen, worüber man nicht reden könne (der Schlusssatz seines "Tractatus"), bezog sich auf alles, was die Welt der naturwissenschaftlichen Tatsachen überschreitet: Ethik, Ästhetik, Religion, mithin alles Sinnhafte und Bedeutungsvolle jenseits dessen, was der Fall ist. Wie eine Parodie auf dieses philosophische Schweigegelübde nimmt sich die Beredsamkeit der Figuren bei Kos aus: Sie fragen nach dem Schlechten in sich (Ethik) und kommen dann nur mit mittelmäßiger Erbschleicherei oder kleinem Betrug unter Freund*innen hervor. Sie sinnieren über Vivaldi oder Madonnas "Like a Prayer" (Ästhetik) und sondern dabei kaum mehr als Klischees ab. Sie suchen Anschluss an die Welt der Geister und das metaphysische Gefühl (Religion) und kommen nicht einmal in die angemessene Meditationsstimmung. Ein Reden, das besser Schweigen geblieben wäre, erleben wir hier, Menschen als Gemeinplatzabsonderer, zusammengeschnurrt auf ihren winzigen Ich-Horizont.
"Unsere schlechten Eigenschaften machen uns einsam. Aber woher sollten wir wissen, was das Gute ist, wenn es nicht die anderen uns zeigen", sagt Eslem und gibt damit dieser Ansammlung an Monaden den Sinnspruch. Das ist die Zeitdiagnose, die Lennart Kos mit "Balance und Harmony" vorlegt. Nichts ist ausbalanciert, für niemanden. Alle stehen an ihrem je eigenen Platz auf der Weltenwippe. Und schwadronieren los.






