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Jara Nassar – Hoch und immer höher
Ein zerbrechlicher Sommer in den Bergen. Soufiane nimmt Anse mit in das Haus seiner Familie, hoch über Beirut. Anse ist überwältigt von der Sicht auf die glitzernden Lichter der Stadt und von seinen Gefühlen für Soufiane. Endlich haben die beiden ein ganzes Wochenende nur für sich. Doch die Angst vor einem bevorstehenden Krieg ist allgegenwärtig und katapultiert die beiden jäh zurück in eine Lebensrealität, die sie zu Entscheidungen zwingt: Anse plant, das Land zu verlassen, doch Soufiane will davon nichts wissen – er will auf den Ruinen ein neues Leben bauen.
Jara Nassar entwirft in ihrem Stück "Hoch und immer höher" ein zärtlich-bitteres Porträt einer Generation, die sich fragen muss, woran es sich zu glauben lohnt in einem Land, in dem die neokoloniale Gewalt jeden Tag vom Himmel regnet.
Jara Nassar ist queere deutsch-libanesische Schriftstellerin, Performerin und Poetin. Sie schreibt Theaterstücke, Poesie, Essays und Kurzgeschichten auf Deutsch und Englisch, verwoben mit libanesischem Arabisch. Ihre Theaterstücke wurden unter anderem im Maxim Gorki Theater Berlin, im Schauspielhaus Bochum und im Pina Bausch Zentrum Wuppertal gelesen. Mit "Baba Dein Herz", in Kooperation mit dem Ara Ara Collective, feierte sie 2025 ihre erste Uraufführung.
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Das Stückporträt: Hoch und immer höher – Jara Nassar
Von Vincent Koch
25. Februar 2026. Es gibt diese schöne, wenn auch etwas abgegriffene Formulierung "wer sich neckt, der liebt sich". In der dritten Klasse hat man sie sich auf dem Schulhof zugerufen, dieses klassische Jungs-gegen-Mädchen-Ding. Es trifft auch auf die zwei Protagonist*innen in Jara Nassars "Hoch und immer höher" zu. In ihrem Stück sind es zwei Männer, die sich so sehr lieben, dass sie andauernd sticheln müssen. Da ist Anse, in seinen Zwanzigern, der für eine französische Organisation arbeitet, definitiv eine Frankreich-Obsession und ein Faible für Croissants hat und der leicht aus der Ruhe zu bringen ist. Und Soufiane, vielleicht zehn Jahre älter, der seinen Freund "Sonnenvögelchen" nennt, als Bauarbeiter pragmatischer durch den Alltag geht und gern mal raushängen lässt, dass er mehr vom Leben weiß.
Zuflucht vor dem tobenden Stillstand
Viel wichtiger ist aber, dass sich die beiden Turteltäubchen im Libanon befinden. Zu Beginn des Stücks fahren sie in ein kleines Haus in den Bergen über der Stadt, die Olivenbäume im Garten sprießen, es ist ein brütend heißer Sommer. Als Zeitangabe stellt Jara Nassar ihrem Text "Die Ruhe vor dem Sturm. Der Moment vor dem Krieg" voran und macht damit klar, dass die beiden sich in einem Land befinden, in dem es rumort. Den Kontext sollte man sich vor dem Lesen bewusst machen, er taucht erst spät im Stück auf: Nach der Großexplosion in Beiruts Hafen im August 2020 liegt die Wirtschaft im Land brach, staatliche Institutionen implodierten. Es fehlt an Strom, die Inflationsraten gehen durch die Decke, Armut macht sich breit. Die deutsche Gesellschaft für Außenwirtschaft beschreibt einen "fast völligen Stillstand des öffentlichen Lebens". Bevor die Lage mit Beginn des Gaza-Kriegs noch weiter eskalieren wird. "In Lubnan fällt die Gewalt vom Himmel. Sie wird geliefert in einer Kiste mit der Aufschrift Made in USA oder UK oder Germany", heißt es dazu in Nassars Stück.
Das Berghaus ist auch ein Versteck. Denn obwohl der Libanon als "das schwule Mekka des Nahen Ostens" beschrieben wird und homosexuelle Handlungen nicht mehr kriminalisiert werden, ist Schwulsein weiterhin gesellschaftlich tabuisiert und sich zu outen unüblich. Über den Dächern der Stadt versuchen Anse und Soufiane, eine Insel für ihr Zusammensein zu schaffen. In kurzen Szenen mit schnellen Dialogen lernen wir dieses Paar kennen. Wie sie im Bett frühstücken, Zigaretten teilen, "unzivilisiert" sind (aber: "keine überflüssigen Sexszenen", wie es anfangs heißt) und von Granada und Pariser Cafés träumen. Sie sehnen sich nach einem anderen Leben. Und sie werden auch nicht müde, das in ihren blumigen Sätzen zu betonen. "Die wahre Welt ist da unten", sagt Anse einmal. "Ich werde es dir leicht machen, starker Mann", betont Anse.
Mit diesen Gegensätzen spielt Jara Nassar immer wieder, spricht so auch vom "kleinen Leben mit großen Ängsten". Die Magie der Berge wird beschworen, das Freiheitsgefühl: "Wir werden geboren, wir leben, wir sterben. Und zwischendrin tanzen wir." Um dieses Schweben zu illustrieren, erzählt Nassar die Szenen achronologisch, sie collagiert frei die Momente eines Wochenendes in drei Akten. Hier und da streut sie arabische Ausdrücke ein, "Walai himmak" ("Macht nichts") zum Beispiel.
Wie man einen Olivenbaum tötet
Mitunter erinnern die Dialoge an den Broadway-Sound eines Matthew López. In einer explizit surrealen Szene fragt Soufiane Anse plötzlich, wie er einen Olivenbaum töten würde. Dieser macht Vorschläge, die alle nicht greifen, weil die Bäume so robust sind, bis er sagt: "Ich würde ihn zerbomben." Entwurzelung, Vernichtung – darin deuten sich die Erfahrungen von Krieg und Flucht an. Das Ein-, Umpflanzen und Kultivieren wiederum ist bei Nassar eine Metapher für die Suche ihrer beiden Figuren nach einem Platz in dieser Welt.
Mehrmals wird die harmonische Stimmung von Schüssen durchschnitten. Anse spricht zum ersten Mal darüber, dass er den Libanon verlassen möchte. Er will nicht feststecken in dem Land, in dem die Infrastruktur zerstört ist. Er möchte freier mit seiner Homosexualität umgehen. Soufiane reagiert kaltherzig, er identifiziert sich stark mit Beirut, findet, Anse sei einer von denen, die "gehen, sobald es schwierig wird". Es ist ein Gespräch mit harten Vorwürfen, das da abläuft, wo die Grenze zwischen emotionaler und sachlicher Ebene zunehmend verschwimmt. Plötzlich scheinen nicht nur der Moment und der Ort über den Bergen, sondern auch ihre Beziehung fragil – also die feste Institution, mittels derer sie sich zuvor gefühlt gegen den Rest der Welt behauptet hatten.
Exil im Inland
Zur Eskalation kommt es schließlich, als Anse einen Stapel Briefe entdeckt, den Soufiane eigentlich vor ihm verbergen wollte, so legt es eine Regieanweisung nahe. Es sind sehr liebevolle Zeilen an verschiedene Menschen: Geschenke, Blumen, Küsse. Anse glaubt, dass Soufiane ihn betrogen hat: "Du bist Beton. Kalt, hart, und brutal." Soufiane kann sich nicht mal mehr erklären, Anse stürmt aus der Tür. Ein paar Szenen später kommt er wieder zurück, natürlich. Die vermeintlichen Liebesbriefe sind keine. Es sind Briefe der Menschen, die das Berghaus – so wie die beiden – als Exil im Landesinneren nutzen. Gruppen, die dem Alltag entfliehen, Partys feiern, Dragshows veranstalten. Soufiane will den Menschen mit diesem Ort etwas schenken, es ist seine Strategie, um der existenziellen Not der Libanes*innen zu begegnen, denn "dieses Land ist in Gewalt getränkt vom Himmel bis zur Erde". Dass Menschen im Libanon verarmen, während andere sich eine neue Yacht kaufen.
Jara Nassar beschreibt in ihrem Stück, wie sich ein Paar an der Frage zerreibt, ob man ein Land, in dem "verflucht nochmal alles kaputt ist", verlassen soll oder ob man eine Verantwortung dafür hat. Ob man sich der Angst stellen sollte. Während Anse in Europa Freiheit vermutet, weil er es nicht mehr schafft, gegen die Verhältnisse anzukämpfen, es würdelos findet, will Soufiane eine "neue Welt" bauen, dort oben in den Bergen: "Du sagst das, als liege Freiheit in der Wahl zwischen Zerstörung und Exil." Zumal Soufiane fürchtet, in Europa "wie Ungeziefer" behandelt zu werden und ebendiese Würde zu verlieren. – Das Stück endet, wie es angefangen hat: mit den beiden im Bett. Wird Anse die Beziehung aufgeben, um sich anderswo zu verwirklichen? Bis zuletzt bleibt das in der Schwebe. Nur ein Hauch von Abschied weht durch die Federn."






