Autor*innenpreis
Lili Roesing – Rückenschwimmen
Melissa, Ilayda, Laura und Elia sind füreinander da, erzählen sich alles. Doch dann passiert Melissa etwas, für das sie zwar Worte, die Gruppe aber keinen Umgang findet. Sprach- und Hilflosigkeit treten an die Stelle von Vertrautheit und Leichtigkeit, bis die Clique zu zerbrechen droht. Allen Widerständen zum Trotz versuchen die Vier, wieder zu sich und zueinander zu finden: "Das, was wir sind, muss bleiben."
In "Rückenschwimmen" erzählt Lili Roesing auf poetische und doch ungeschönte Weise von einem sexuellen Übergriff und der Frage: Wie darüber reden und damit umgehen?
Lili Roesing, geboren 2003 in Hamburg, studiert seit 2022 Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Sie interessiert sich für Zwischenräume und junge Realitäten und befasst sich mit lyrischem und kollektivem Erzählen. 2024 erhielt Roesing für "Rückenschwimmen" den Sonderpreis des Deutschen Kinder- und Jugendtheaterpreises.
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Das Stückporträt: Rückenschwimmen – Lili Roesing
Von Verena Großkreutz
25. Februar 2026. Wie darüber reden? Wie über sexuellen Missbrauch schreiben? Wie das Thema auf die Bühne bringen? Wie damit umgehen, wenn ein Mensch im Freund*innenkreis oder in der Familie sexuell missbraucht wurde? Auf Angst, Scham, Unsicherheit der Betroffenen folgt oft genug Sprachlosigkeit. Das berichten viele Opfer: dass sie jahrelang keine Worte gefunden haben für das, was ihnen zugefügt wurde.
Welt im Wanken
In "Rückenschwimmen" geht es um Melissa und ihre drei Freundinnen Ilayda, Laura und Elia, alle aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus stammend, alle um die 16 Jahre alt. Eine Clique, die seit der achten Klasse durch dick und dünn geht. Melissa: die Introvertierte, die Sprayerin, die spendable Witzemacherin, die "die Sätze von uns allen beendet, weil sie immer die besseren Worte findet". Laura: die Energiegeladene, die sich für Klatsch und Tratsch interessiert, die einzige, "die wirklich jemanden vor dem Ertrinken retten könnte". Ilayda: die "allem widerspricht, was die Lehrerin sagt", "die ganze Zeit Einsen" schreibt, "mündlich aber übelst schlecht" ist, weil alle Lehrer*innen "genervt von ihr sind". Und Elia: die Verträumte, die familiär Umsorgte, die "gestresst" ist, "wenn sie scheiß Noten schreibt, ihre Eltern zwar auf unterstützend und entspannt machen, ihnen aber die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben steht".
Doch dann geschieht etwas, das die heile Freundinnenwelt massiv ins Wanken bringt. Während Ilayda, Laura und Elia mit anderen Freund*innen beim abendlichen Chillen den Garten aufsuchen ("Die Musik war schön, ich, wir waren draußen, eine rauchen. […] Wir haben Chips gegessen und uns unterhalten"), wird drinnen Melissa von einem Jungen aus dem Freundeskreis sexuell belästigt, vielleicht sogar vergewaltigt ("Ich saß in dem Zimmer, ganz normal, auf der roten Couch. Bis ..."). Melissa findet zwar am nächsten Tag die Kraft, mit den Freundinnen über den Missbrauch zu sprechen. Doch keines der Mädchen weiß, wie es mit der Situation umgehen soll.
Die unbeschwerte, gechillte Jugend scheint vorbei. Melissa fragt sich, ob sie es hätte für sich behalten sollen. "Wenn sie es nicht wüssten, dann gäbe es noch diese Nächte ..." Melissa zieht sich zurück, sucht die Nähe zu ihrer geliebten Großmutter, kommt nur noch unregelmäßig in die Schule ("Ich bin jetzt die, die etwas erlebt hat / Das ihr nicht nachvollziehen könnt. / Das ihr auch gar nicht nachvollziehen können sollt"). Und auch die drei Freundinnen distanzieren sich mehr und mehr voneinander, hängen alleine zuhause herum und rutschen ab in die Teenager-Einsamkeit. Das Quartett scheint auseinanderzufallen.
In literarische Sprache überführt
Die komplexen Folgen des Übergriffs für das soziale Miteinander darzustellen, gelingt Roesing auf sensible, einfühlsame Weise – poetisch, kraftvoll, berührend. Es geht ihr um die innere Handlung und weniger um die äußere. Vom Täter ist lediglich mit dem Personalpronomen "Er" die Rede. Der Übergriff selbst wird nur angedeutet. "Rückenschwimmen" thematisiert die aus der Tat resultierenden Gefühle, Stimmungen, Wahrnehmungen. Was macht das Verbrechen mit dem Opfer und seinem Umfeld?
Roesings Sprache ist lyrisch, die Gefühls- und Gedankenwelten ihrer Protagonistinnen werden in eine starke Bildsprache überführt – knapp, klangvoll, rhythmisch verdichtet, dezent mit Floskeln der Jugendsprache versehen. Immer wieder switcht die Autorin vom Ich- in den Kollektiv-Ton. Dann sprechen die Vier im Chor: über gemeinsam Erlebtes, über sich und die anderen.
So viel dunkles Wasser
Große sprachliche Kraft entwickelt dabei das Metaphernfeld rund um das titelgebende "Rückenschwimmen": Wasser, Schwimmbad, die Farbe Blau. Wobei das positiv-wohlig Konnotierte ins Bedrohliche, Zerstörende kippt. Im Wasser kann man schließlich ertrinken. Einerseits steht das Bilderfeld für die Freundschaft, den Zusammenhalt: Die vier Mädchen lernten sich im Schwimmunterricht ihrer Schule kennen und bevorzugen die Technik des Rückenschwimmens. Berichtet wird von den gemeinsamen fröhlichen Schwimmbadgängen. Rückenschwimmen als Metapher fürs Vertrauen ins Leben, ins sich Treibenlassen.
Andererseits mutiert das Rückenschwimmen im Kontext des Missbrauchs zum Bild der Hilflosigkeit, des Kontrollverlustes, der Verletzlichkeit, des Ausgeliefertseins. Und es steht für die psychologischen Folgen des Traumas, für Melissas Versuch, sich innerlich vom Geschehen abzuspalten. Eindrücklich beschreibt sie den gewalttätigen körperlichen Übergriff: "Dunkles Wasser, dunkelblaues Wasser unter dem geschlossenen Türrahmen, durch die Fensterdichtung. Dunkelblaues Wasser aus den Rissen in der Tapete. So viel ... Ich dachte, man kann vielleicht kleine Papierschiffchen drauf schwimmen lassen."
Gewalt versus Gemeinschaft
Später dient das Wasser als Bild fürs Verdrängte, Unbewusste. Melissa: "Manchmal versuche ich zu vergessen, wie es sich angefühlt hat. Wie ich untergetaucht und dann getrieben bin", lautet Roesings Text für Melissa. "Und dann berührt mich aus Versehen ein Fremder am Bein. Und ich erinnere mich an seine Hände. Da, wo sie nicht sein sollten. Seine Hände bei mir. Zu nah bei mir. An mir."
Als Jugendstück will "Rückenschwimmen" Hoffnung vermitteln. Die vier Freundinnen besinnen sich am Ende auf die Kraft der Freundschaft, finden wieder zusammen, setzen der zerstörerischen Gewalt des Täters die produktive, heilende Kraft der Gemeinschaft entgegen (Laura zu Melissa: "Und du wärst fast ertrunken. Und Ertrinkende muss man retten.") Für Melissa verwandelt sich das Blau zur "Farbe meiner Wut": "Auf dass aus dem kleinen Schwimmbecken ein Meer wird, in dem wir unendlich lange treiben können."






