Autor*innenpreis
Fausto Bradke – Gitta
Im Wohnzimmer der Großeltern Gitta und Michael: Michael tut so, als würde er lesen, Gitta spielt ihr Handyspiel. Alles wie immer, scheint es. Doch die oberflächliche Alltäglichkeit deckt nach und nach auf, was unter dem Miteinander des Ehepaars schlummert: Die Anstrengung seines ständigen Vergessens. Die Entscheidungen, die immer nur noch sie trifft. Der Überdruss an Michael und am Leben selbst. Der Alltag zwischen seiner Demenz und ihrer Lethargie bringt Gitta schließlich dazu, auch die letzte Entscheidung für Michael zu treffen. Und Gitta? Sie lebt weiter. Länger als sie es eigentlich vorgesehen hatte.
Mit "Gitta" erzählt Fausto Bradke einfühlsam von der Einsamkeit des Alterns, die auch durch gelegentliche Besuche der Familie nicht verschwindet, und vom Stillstand in Gittas Wohnzimmer, während die Welt sich weiterdreht.
Fausto Bradke, geboren 1999, hat in Zürich Mathematik studiert. Anschließend studierte er Sprachkunst in Wien mit einem Gastsemester im Szenischen Schreiben in Berlin. Er veröffentlicht Kurzgeschichten und wurde für die Entwicklung von "Gitta" mit dem Dramatiker*innenstipendium der Literar Mechana gefördert.
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Das Stückporträt: Gitta – Fausto Bradke
Von Sascha Westphal
25. Februar 2026. Die Welt geht in Fausto Bradkes "Gitta" nicht "zugrund", wie es Hans Magnus Enzensberger in seiner Übersetzung von T.S. Eliots Gedicht "The Hollow Men" formuliert hat. Es enden schlicht zwei Leben, von denen es in Trauerreden wahrscheinlich heißen würde, dass es gute und erfüllte Leben waren. Doch das sind nur Klischees, die die Hinterbliebenen, die Familie und Freund*innen der Verstorbenen, trösten sollen. So etwas redet man sich ein, um sich mit seiner Trauer ein wenig besser zu fühlen und zugleich die Leere, den Schmerz und die Verzweiflung derer, die gegangen sind (noch so eine höfliche, euphemistische Umschreibung), von sich wegzuschieben. Genau diese Leere, diesen Schmerz und diese stille, tief im Innersten verkapselte Verzweiflung rückt Fausto Bradke ins Zentrum seines Stücks.
Momentaufnahmen der Routine
Fausto Bradke verrät nicht viel über die Vorgeschichte seiner Figuren. Jede Szene gleicht einer kurzen Momentaufnahme. Allerdings ähneln sich die meisten dieser Momente auffällig. So ist es schließlich auch im Leben. Das meiste ist Routine und Wiederholung. Es geht um Kleinigkeiten, alltägliche Dinge, wie Babsis Aufforderung an Gitta "Du solltest noch etwas trinken", die ihre Schwester in leicht veränderter Form an ihren Mann Michael weiterreicht: "Hast du Durst". Auch die Reaktionen der jeweils Angesprochenen kommen einem aus eigenen Gesprächen dieser Art sofort bekannt vor. Gitta wehrt Babsis Drängen mit den Worten "Ich habe jetzt keinen Durst" ab, und Michael reagiert, fast könnte man sagen erwartungsgemäß, mit einem schlichten "Nein" und schiebt dann noch ein "Danke" hinterher.
Dieser kleine Austausch in der ersten Szene des Stücks könnte kaum undramatischer sein und steht damit geradezu beispielhaft für Fausto Bradkes Ansatz und Stil. "Gitta" fängt Situationen eines Ehe- und Familienalltags mit einer solchen Beiläufigkeit und zugleich Präzision ein, dass sie einem sofort geläufig erscheinen. Die Dialoge erinnern einen nicht nur an eigene Gespräche. Sie klingen so vertraut, dass sie auf den ersten Blick nichts Literarisches an sich haben. Bradke geht hier mindestens noch einen Schritt weiter als die modernen Volksstück-Autor*innen, die zunächst in den 1960er und 1970er Jahre und später in den 2000er und 2010er Jahren dem Vorbild Marieluise Fleißers und Ödön von Horváths gefolgt sind. Wie Fleißer und Horváth haben sie auf eine poetische Verdichtung des alltäglichen (Mundart-)Sprechens gesetzt und so eine eigene, überaus kunstvolle Alltagssprache geschaffen, die das Vertraute verräterisch werden lässt.
Verzicht auf das Dramatische
Gerade in der Verdichtung kommt das Unbewusste, das Versteckte und Verdrängte, zum Vorschein. Davon kann in "Gitta" nicht wirklich die Rede sein. Fausto Bradke verdichtet nichts. Er fängt ein, wie Menschen in alltäglichen Situationen miteinander sprechen. Und genau darin liegt seine Kunst, eine Kunst, die ganz langsam, nach und nach, ins Bewusstsein der Leserin und des Lesers dieses Stücks einsickert. Zunächst wirken die Szenen zwischen Gitta und ihrer Familie in ihrer unspektakulären Art beinahe schon banal, genau wie die Gespräche, die sich zwischen drei Generationen entspinnen und die anscheinend nirgendwo hinführen. Doch mit der Zeit erkennt man, dass gerade in dem Verzicht auf alles offensichtlich Dramatische eine tiefere Wahrheit und Wahrhaftigkeit liegt.
Selbst der Moment am Ende des ersten Teils, in dem Gitta ihrem Mann eine zu hohe Dosis seines Blutdruckmedikaments reicht und damit sein Leben beendet, ist auf eine faszinierende Weise unspektakulär. Dieser Tod, der sich in einer kaum zu erhellenden Grauzone zwischen Mord, Selbstmord und Sterbehilfe vollzieht, hat nichts Dramatisches und auch nichts Tragisches an sich. Michael nimmt einfach die Tabletten und wird die Nacht nicht überleben. Vielleicht ist er sich dessen bewusst, als er sie mit einem Glas Wein herunterschluckt, vielleicht auch nicht. Das bleibt, wie so vieles in "Gitta", offen. Fausto Bradke enthält sich jeglichen Urteils. Aber nicht nur das. Er macht es auch uns als Leser*innen, als Theaterpublikum, nahezu unmöglich, uns moralisch zu positionieren. Natürlich lösen die Umstände von Michaels Tod Unbehagen aus. Aber zugleich ist da auch ein gewisses Mitgefühl mit Gitta und mit ihrer Beschreibung eines Lebens, das eben nicht so glücklich und erfüllt war, wie sie es sich gewünscht hätte: "Dass Vieles nicht so war wie ich es wollte / Dass ich mich mit vielem abgefunden habe / Durchgehalten habe".
Keil in den Beziehungen
Die Dinge sind, wie sie sind. Sie geschehen einfach. Entsprechend reagieren ihre Schwester Babsi und ihre Tochter Simone, die die Verwandten unterstützen, auf Gittas Vorgehen. Sie sind nicht wirklich einverstanden mit dem, was Gitta getan hat. Aber letztlich können sie auch nichts dagegen sagen. Das Wissen, dass der Tod, vor allem dieser Tod, wahrscheinlich gnädiger für Michael war als ein weiteres und immer tieferes Versinken im ewigen Nebel der Demenz, ist so präsent, dass jede moralische Entrüstung letztlich ins Leere läuft. Aber, und davon erzählt der zweite Teil des Stücks auf eine grandiose elliptische Weise, diese Ambivalenz, die wir als Menschen nahezu in jedem Augenblick unseres Seins aushalten müssen, gleicht einem unsichtbaren Keil, der sich zwischen uns schiebt. Die Kluft zwischen Gitta und den anderen, Babsi, Simone und Gittas Enkelin Jana, die immer schon da war, wird größer und größer.
Anders als gehofft, stirbt Gitta nicht kurz nach ihrem Mann. Sie lebt weiter mit ihren altersbedingten Einschränkungen und ihren schmerzenden Gliedern und entfernt sich dabei mehr und mehr von ihrer Familie. Nur eins bleibt die ganze Zeit gleich: In fast jeder freien Minute, die sie hat, spielt sie an ihrem Mobiltelefon in einem Online-Casino an einer virtuellen Slot-Maschine. Natürlich verliert sie dabei meistens oder auch immer, und natürlich regt sich Simone darüber auf. Aber auch dieser Ärger gipfelt nicht in einer großen Konfrontation, sondern in kleinen Zwistigkeiten, die Mutter und Tochter schrittweise weiter voneinander entfremden. Auch das ist das Leben. Und vielleicht ist das Spiel an einem virtuellen "Einarmigen Banditen" einfach nur ein perfektes Bild für das Leben an sich, das auch ein Spiel ist, das man letztgültig nicht gewinnen kann.






