Ost-Dramatik – Plädoyer für die Vielstimmigkeit
Macht rüber!
5. März 2026. Was genau bringt Dramatik aus Ostdeutschland ein in die Debatte und in die Theaterlandschaft? Ein Essay über Wert und Form von Stücken, von denen man etwas lernen könnte.
Von Juliane Hendes
Damit hatte ich nicht gerechnet: Ich bin eingeladen. In diesem Jahr läuft eines meiner Stücke, "Späti Paradies", im Gastspielprogramm des Heidelberger Stückemarkts. Ich bin froh – und überrascht. Denn ich schreibe über Ostdeutschland. Genauer gesagt über die ostdeutsche Provinz und ich habe das Gefühl, dass das kein Standortvorteil ist. Denn diese Stücke und Erzählungen bestimmen selten den Diskurs. Warum?
Eingeladen: Juliane Hendes' "Späti Paradies" © Steffen Rasche
Auf den ersten Blick sieht die Lage nicht schlecht aus. Beim Heidelberger Stückemarkt wurden wiederholt Autor*innen aus Ostdeutschland gezeigt, zuletzt mit Lukas Rietzschel und Thomas Freyer auch zwei, die über Ostthemen schreiben. Theaterhäuser aus dem Osten machen immer häufiger von sich reden (Görlitz, Jena, Senftenberg, Schwerin, Halle). Das Theater Magdeburg ist amtierendes Theater des Jahres und zum Berliner Theatertreffen sind (zum ersten Mal in ihrer Geschichte) mit Potsdam und Cottbus zwei ostdeutsche Häuser eingeladen.
Und doch bleibt ein Unbehagen. Ist Ostdeutschland mit seinen Themen in der gesamtdeutschen Mitte angekommen? Oder ist das nur ein Reflex auf die Wahlergebnisse der AfD: Wir verstehen es nicht, vielleicht hilft uns das Theater dabei?
Empathische Lücke
Ich selbst musste mich nach (geografischen) Umwegen erst wieder Ostdeutschland als Thema annähern. Aufgewachsen in einem erst grauen und dann bunt angemalten ostdeutschen Plattenbau, habe ich nach meinem Studium die meiste Zeit meines professionellen Werdegangs in NRW verbracht. Ich schaue auf zwei gefühlte Seiten und gehöre keiner richtig an. Und ich bemerke eine Lücke. Eine Wissenslücke über die Situation in den ostdeutschen Bundesländern von 1990 bis heute, aber auch und vor allem eine empathische. Eine Lücke zwischen dem, was es tatsächlich über "den Osten" zu wissen und zu erzählen gibt und dem, wie er "von außen" gesehen und dargestellt wird.
Alles so weiß hier: Lukas Rietzschels "Das beispielhafte Leben des Samuel W." lief beim Stückemarkt 2025 © Pawel Sosnowski
In meiner Arbeit möchte ich denjenigen eine Stimme und Raum geben, die sonst nicht auf den Bühnen dieses Landes sprechen. Die häufig nicht durch empathische Augen gesehen werden, sondern vor allem in den Nachrichten Platz finden, in Verbindung mit Grafiken, die den gesamten ostdeutschen Raum blau gefärbt zeigen. Gleich neben der Frage: Warum kann "der Osten" nicht endlich mal normal sein?! Für mich (und nicht nur für mich) ist "der Osten" normal. Und ich verstehe nicht, wie man ihn nicht verstehen kann.
Ostdeutsche Geschichten
Obwohl ich selbst bewusst nur ein geeintes Deutschland kenne, trage ich die Spuren der Teilung oder vielmehr die Spuren der Wiedervereinigung mit mir herum. In meiner Kindheit waren Arbeitslosigkeit und Leerstand ein Normalzustand, den man rückblickend nur als Ausnahmezustand bezeichnen kann. Während sich hier alles änderte, blieb westlich der Elbe scheinbar alles gleich. Aber das Lebensgefühl wurde auch von Zugehörigkeit, Humor und einem großen Drang nach Freiheit geprägt. Die Geschichte der Ostdeutschen war, ist und bleibt ambivalent.
Verstehen, was ist: Thomas Freyers "Dumme Jahre" lief 2025 im Gastspielprogramm © Candy Welz
Und ein Antrieb für meine Arbeit: Ich möchte einerseits deutlich machen, was es bedeutet, von geistig abwesenden und grundverunsicherten, um ihre Existenz fürchtenden Menschen erzogen, in den Baseballschlägerjahren von Nazis durchs Viertel getrieben und bis heute für all das vom Westen verurteilt zu werden. Andererseits möchte ich aber auch von den lustigen, liebevollen Menschen erzählen, aus denen meine typisch ostdeutsche Großfamilie besteht. Von Menschen, wie zum Beispiel meinem Onkel Bert, der bis 1999 dreimal seinen Job verlor und trotzdem drei Töchter in meinem Alter durchbrachte (zwei, mit denen ich heimlich die ersten Zigaretten rauchte, sogar durch ein Studium). Oder von meinem Großonkel Rudolf, der als IM so wenig taugte, dass er von der Stasi aussortiert wurde (und dann bis zu seinem Tod AfD wählte). Oder seiner Frau, die mich bis heute zu meinem Geburtstag anruft, um über den Rest der Familie zu plaudern (lästern).
Es geht (auch) um Klassismus
Ostdeutsche Identität ist kein nostalgischer Impuls. Sie ist – wie ostdeutsche Geschichte – vielstimmig und widersprüchlich. Die Landschaften sind zum Teil wunderschön, die Innenstädte inzwischen herausgeputzt und die grundsätzliche Situation hat sich im Verhältnis zu den 90er Jahren für die meisten Menschen wesentlich verbessert. Und trotzdem ist die Stimmung mies. Warum? Es ändert sich schon wieder alles. Vor allem die kleineren Orte leeren sich, der Weg zum Arzt, zur Post und zu irgendeiner Form von Geselligkeit ist weit und der Abstand groß zwischen Menschen in Stollberg, Eisenhüttenstadt oder Neustrelitz und denjenigen, die in der Bundeshauptstadt die Entscheidungen für und über sie treffen. Und die Fragen sind noch größer: Kann ich meine Miete auch nächstes Jahr noch bezahlen? Wenn ich meinen Job verliere, gibt es Arbeit vor Ort?
Das Gefühl, dass alles, was wichtig ist, immer mehr verschwindet, steht in Konkurrenz zu Statistiken, die durch die Nachrichten gehen und belegen sollen, dass niemand auch nur irgendeinen Grund hat, sich zu beschweren (und das gefälligst auch nicht tun sollte). Wie kann es aber sein, dass so viele Menschen unzufrieden sind, wenn es doch rein rechnerisch keinen Grund gibt? Der erste Impuls ist oft: Die Menschen müssen falsch liegen. Aber so einfach ist es nicht. Und das gilt natürlich nicht nur für strukturschwache Gebiete in Ostdeutschland, sondern auch für selbige auf westdeutscher Seite.
Widersprüchlichkeiten
Die Grundlage für dramatisches Schreiben sind Konflikte und die liegen in Ostdeutschland sprichwörtlich auf der Straße. Sie geistern in den Häusern, zwischen Nachbar*innen und Kolleg*innen, zwischen Freund*innen und in den Familien. Und werden von den gleichen Personen in ein und demselben Gespräch mehrfach erst be- und dann widersprochen und schließlich noch mal infrage gestellt. Konflikte werden durchgespielt, oft genug ausgehalten, manchmal eskaliert.
Die Autorin Juliane Hendes © Oliver Look
Auch deshalb arbeite ich – wie übrigens auch die meisten anderen ostdeutschen Autor*innen – selten mit Textflächen, die sich auf einer Metaebene an einem Diskurs abarbeiten. Ich schreibe Figuren und Geschichten, die fast alle Vorbilder in der Realität haben. Sie sind in ihr verankert und spiegeln sich im besten Fall mit den Geschichten, die im Publikum sitzen. Erzählen von unserer Gegenwart. Und – und das ist mir besonders wichtig, wenn ich für Theater in Westdeutschland schreibe – sie vermitteln meinen Blick auf "den Osten", wie ich ihn tagtäglich wahrnehme, in aller Vielfalt und Differenzierung, in aller Härte, aber auch mit all der Liebe und vor allem dem Humor, den ich erlebt habe und erlebe. Ich möchte dem Bild, das viele von Ostdeutschland haben, etwas entgegensetzen.
Ich würde gerne an eine Trendwende glauben. Daran, dass es ein Interesse an differenziertem Verstehen gibt. Dass die Arbeit, die an ostdeutschen Theatern geleistet wird, von nun an kontinuierlich überregional wahrgenommen wird. Dass grundsätzlich das, was abseits der Zentren geleistet wird, mehr wertgeschätzt wird. Denn dort entscheidet sich zuerst, ob wir auch weiterhin in aller Ruhe, Meinungs- und Kunstfreiheit in diesem gesamtdeutschen Land Theater machen können. Oder nicht. Dies ist also eine freundliche Aufforderung: macht rüber!
Programm
Zwinger 1
Theater und Orchester Heidelberg
Asiawochen
Regie: Wang Chong
Zwinger 3 und online
Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb I
13:30 Uhr
Herz-Emoji, Bizeps von Fayer Koch
14:30 Uhr
Gitta von Fausto Bradke
16:00 Uhr
Hoch und immer höher von Jara Nassar
Zwinger 1
Gastspiel Münchner Volkstheater
faulender Mond
von Anaïs Clerc
Regie: Simon Friedl
Nominiert für den Nachspielpreis
Marguerre-Saal
Gastspiel Schauspiel Hannover
Ein wenig Licht. Und diese Ruhe.
von Sibylle Berg
Regie: Lena Brasch
Uraufführung
Alter Saal
Stückemarktparty
mit Pär Hagström and Charlatans of Love und Byusa (DJ)
präsentiert von zwinger x
Rahmenprogramm
Eintritt frei
Zwinger 3 und online
Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb II
13:30 Uhr
Rückenschwimmen von Lili Roesing
14:30 Uhr
Goodbye Giganten von Mehdi Moradpour
16:00 Uhr
Balance und Harmony von Lennart Kos
Zwinger 1
Gastspiel Theater Aachen
Mysteryland
von Sarah Kilter
Regie: Anne Habermehl
Uraufführung
Alter Saal
Gastspiel Schauspiel Stuttgart
Eine runde Sache
nach dem Roman von Tomer Gardi
Bühnenfassung von Noam Brusilovsky
Regie: Noam Brusilovsky
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Theater der Stadt Aalen
ich sehe was /
was du nicht siehst [14+]
von Sergej Gößner
Regie: Julius Max Ferstl
Alter Saal
Gastspiel Theater Lübeck
Wald
von Miriam V. Lesch
Regie/Choreografie: Katja Wachter
Marguerre-Saal
Gastspiel Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Mein Schwanensee
von Christoph Marthaler
mit Texten von Elfriede Jelinek
Regie: Christoph Marthaler
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Neue Bühne Senftenberg
Späti Paradies
von Juliane Hendes
Regie: Mirko Böttcher
Uraufführung
Alter Saal
Gastspiel Theater der Jungen Welt Leipzig
T-Rex, bist du traurig? (Steht dein T für Tränen?) [6+]
von Fayer Koch
Regie: Benedikt Grubel
Mülheimer KinderStückePreis 2025
Zwinger 1
Gastspiel Schauburg München
Endland [14+]
von Martin Schäuble
Regie: Katharina Mayrhofer
Zwinger 3
Gastspiel Interdisziplinäres Bühnenprojekt Galerie Kullukcu Gregorian
Teutonistan
Regie: Bülent Kullukcu und Karnik Gregorian
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Deutsches Theater Berlin in Zusammenarbeit mit dem RambaZamba Theater Berlin
Leichter Gesang
von Nele Stuhler
Regie: FX Mayr
Uraufführung
Hebelhalle
Gastspiel Theater der Jungen Welt Leipzig
Ein Glücksding [12+]
Theaterstück aus Interviewsequenzen
von Lena Gorelik
Regie: Martina van Boxen
Zwinger 1
Theater und Orchester Heidelberg
Asiawochen
von Yannic Han Biao Federer
Regie: Wang Chong
Autor*innenpreis 2025
Alter Saal
Gastspiel Musiktheater im Revier Gelsenkirchen
Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert
von Svealena Kutschke
Regie: Pablo Lawall
FIDENA Stückepreis 2025
Zwinger 3
Gastspiel Theater am Werk Wien
Blutbrot
von Miriam Unterthiner
Text ausgezeichnet mit dem Kleist-Förderpreis für neue Dramatik 2025
Regie: Thomas Schweigen
Marguerre-Saal
Gastspiel Burgtheater Wien
Elisabeth!
von Mareike Fallwickl
Regie: Fritzi Wartenberg
Alter Saal
Heidelberg goes Canada
Musikalisches, Kulinarisches und Unterhaltsames aus unserem diesjährigen Gastland
Eintritt frei!
Zwinger 3 und online
Eröffnung Gastland-Programm Kanada
Zwinger 3 und online
Internationaler Autor*innenwettbewerb
13:30 Uhr
Marguerite: Das Feuer von Émilie Monnet
14:30 Uhr
Illegal von Marie-Ève Milot
16:00 Uhr
Prince Faggot von Jordan Tannahill
17:00 Uhr
To a Flame von Erin Shields
Alter Saal
Gastspiel Collectif Aalaapi
Aalaapi / ᐋᓛᐱ
Von Collectif Aalaapi
Regie: Laurence Dauphinais
in englischer und französischer Sprache und Inuktitut mit deutschen Übertiteln
Sprechzimmer
Podiumsgespräch
Theater in Kanada
Eintritt frei!
Zwinger 1
Gastspiel Open Heart Surgery Theatre
Erased
von Coleen Shirin MacPherson
Regie: Coleen Shirin MacPherson
in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Maguerre-Saal
Gastspiel Théâtre Prospero
Surveillée et punie
Libretto: Safia Nolin, Jean-Philippe Baril Guérard,
Musik: Safia Nolin, Vincent Legault
Idee und Regie: Philippe Cyr
in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Preisverleihung
Eintritt frei
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